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Saturday, March 7, 2009

Bankdirektor Leonard Abess verschenkt 60 Millionen Dollar

Ein Kommentar von Steffen Hirth



„In Zeiten der Finanzkrise haben Banker einen schwierigen Stand - Habgier und Verantwortungs-losigkeit werden ihnen zugeschrieben. Dass nicht alle diesem Bild entsprechen beweist Leonard Abess. Der Bank-Direktor aus Miami verschenkte 60 Millionen Dollar an seine Mitarbeiter.“





So titelte kürzlich die Tagesschau. Im ersten Moment mag man die Story - so erging es mir - kaum glauben. Dank der Großzügigkeit dieses Bankdirektors scheint den Angestellten endlich Gerechtigkeit zu wiederfahren. In der Tat hat man es hier mit großen Summen zu tun: Von den 399 Angestellten und 72 Ehemaligen bekamen jeder mehrere zehntausend US-Dollar, einige sogar über hunderttausend (wenn man die Summe gleichmäßig unter den 471 Personen aufteilen würde, stünde jedem etwas mehr als 127 000 Dollar zu).



Auf den zweiten Blick allerdings relativiert sich die Story, die Abess sogar öffentlichen Applaus von Barack Obama und dem gesamten US-Kongress einbrachte, obwohl er - das muss man fairerweise anmerken - die Aufmerksamkeit der Öffentlichkeit nicht gesucht hatte. Die finanziellen Überschüsse stammten jedenfalls vom Verkauf eines Großteils seiner Bankanteile an die spanische Caja Madrid, wodurch er 930 Millionen Dollar einnahm.

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Wenn man diese Relation auf die Maßstäbe eines Normalsterblichen herunterrechnet, könnte man sich zur Veranschaulichung in etwa dieses Beispiel denken: Ich, Student, mitte zwanzig, käme kurzfristig an 1000€ und überlege was ich damit tun kann. Wie Studenten nunmal sind, wollen sie natürlich zuerst einmal richtig schön feiern gehen. Ich würde also meine Freunde einladen, um einen schönen Abend in einer Bar oder einem Restaurant zu verbringen, was natürlich auf meine Rechnung ginge. Das ganze würde mich etwa 60€ kosten, was für meine Verhältnisse viel wäre, aber schließlich blieben mir ja noch immer satte 940€ für was auch immer.





Wenn man die geschilderte Situation auf die Reaktion der Bankangestellten bezieht, müssten meine Freunde mir in Tränen um den Hals fallen, während neben uns die Reporter der Allgemeinen Zeitung oder der Rheinzeitung wie wild Fotos schießen und nach einem Interview mit mir lechzen würden, nur weil ich essen und Cocktails spendiert hätte.



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Wie fast alles auf der Welt, ist also auch dieses vorbildliche Handeln des Bankdirektors relativ zu sehen. Hätte er übrigens die 930 Millionen unter den 471 Personen aufgeteilt, bekäme jeder fast 2 Millionen Dollar. Wirtschaftlich gesehen, wäre das natürlich Unsinn. Sinnvoller wäre es zum Beispiel die Arbeitsplätze an der Bank zu schützen, indem finanzielle Rücklagen einbehalten würden.



In jedem Fall aber wird klar, warum es ihm sehr leicht fällt soviel Geld abzugeben: weil er noch sehr viel mehr davon hat. Es erinnert an die Geschichte vom Manager, der in Zeiten der Krise bereit ist, sein Gehalt zu halbieren: Statt zehn Millionen pro Jahr, gibt er sich mit fünf Millionen ab - wie sparsam! Wenn ich mein Gehalt bei "Ihr Platz" von knapp über 6€ pro Stunde halbieren würde, hätte ich statt 350€ nur noch 175€ monatlich auf dem Konto - das wäre großzügig! Ist es nicht unsere Gesellschaft die in Schieflage steht? Sollten Menschen als Privatpersonen überhaupt soviel Geld und damit Macht besitzen dürfen?



Nur zur Info: Laut dem World Wealth Report von Capgemini gab es 2007 weltweit knapp über 10 Millionen Privatpersonen, die über mehr als 1 Million Dollar verfügen. Bei einer Weltbevölkerung von 6,7 Milliarden macht das 0,15% der Bevölkerung aus. Diese Dollarmillionäre oder HNWI's (high net worth individuals) besaßen 2007 zusammen 40,7 Billionen Dollar oder, komplett ausgeschrieben: 40 700 000 000 000, bzw. 40 700 Milliarden.



Zum Vergleich: Die offizielle Entwicklungshilfe der Industrieländer betrug im Jahr 2004 nur 79 Milliarden Dollar. (Quelle: OECD, zitiert aus Agenda21-Treffpunkt). Die längliche Grafik versucht zu veranschaulichen, wie groß die Kluft ist zwischen dem, was die Reichsten besitzen und dem was den Ärmsten zugestanden wird (leider musste die Grafik dreigeteilt werden, da man so lange Bilder nicht hochladen kann). Für den Normalsterblichen ist die Relation wohl in etwa so: Wir stecken bis zum Hals in einem Berg aus Brot und werfen den Hungrigen ein paar Krümel hin.







Tuesday, January 6, 2009

General Motors - globalisierte Krise

Neben der weltweiten Finanzkrise haben auch zahlreiche weitere Faktoren zum Niedergang des General-Motors Konzerns beigetragen. Zum Beispiel eine verfehlte Modell-Politik in Zeiten steigender Treibstoff-Preise. Der weltweit aufgestellte Konzern würde im Falle eines Konkurses auch weltweit Arbeitskräfte "freisetzen".

Diese Karte verdeutlicht die internationale Bedeutung des Konzerns. Dargestellt sind alle Staaten in denen für die vielen unterschiedlichen Automarken der GM-Gruppe produziert wird.
Sie macht eine Kehrseite der Globalisierung deutlich: Weltweite Investitionsmöglichkeiten bedeuten eben auch ebenso umfassende Möglichkeiten der Desinvestition.

Opel etwa ist seit 1929 Teil des Konzerns, in Russland dagegen eröffnete General Motors erst 1997 ein Werk in Togliatti. Für die amerikanische Gesellschaft stellten diese Direktinvestitionen im Ausland lange den Königsweg für die bestmögliche Bedienung des weltweiten Automarktes dar.

Der Vorteil gegenüber einer zentralisierten Produktion und weltweiten Exporten liegt auf der Hand: Handelsbarrieren können umgangen werden und als inländischer Produzent ist General Motors - zumindest theoretisch - näher am Kunden. Doch wurde bei GM lange Zeit daran festgehalten, amerikanische Manager ohne einschlägige Kenntnis des jeweiligen Marktes in den Töchtern einzusetzen.

Während man den Töchtern zunächst noch weitgehend freie Hand gelassen hatte änderte sich das in den 70er und 80er Jahren grundlegend. Seither wird auf eine globale Strategie mit gemeinsamen Plattformen, auf die die verschiedenen Automodelle aufbauen, gesetzt.

GM wird nun versuchen einzelne Marken zu verkaufen und ineffiziente Produktionsstandorte zu schließen. Und so fürchten die Schweden das Ende von Saab und die Deutschen bangen um die Zukunft von Opel. Auch in Ägypten, Südafrika, Chile oder Japan sind Arbeitsplätze in Gefahr - bei einem Konkurs des Riesen alles in allem 266.000.

Karte: Eigener Entwurf, weitere Quellen: Cullen, J. B., Multinational Management. A Strategic Approach, Cincinnati, Ohio, 1999

Wednesday, December 31, 2008

Weltbankbericht 2009: Density, Distance and Division

Drei geographische Dimensionen betrachtet der Weltentwicklungsbericht der Weltbank im Jahr 2009. Als Dichte, Entfernung und Fragmentierung könnten diese Dimensionen übersetzt werden und sind laut dem gerade erschienenen Bericht wesentliche Faktoren der wirtschaftlichen Entwicklung der Welt.

> World Development Report 2009

> Google-Maps Mash-Up mit direkten Links zu Weltbank-Projekten in der ganzen Welt

Beginnen wir bei der "Division": Sie ist der entscheidende Nachteil weniger entwickelter Nationen. Mindestens genauso schwerwiegend wie die geringere Mobilität der ärmeren Bevölkerungsschichten oder die physische Distanz abgelegener Regionen zu zentralen Orten, ist die politische Fragmentierung der Entwicklungsländer. Sie wird im Bericht als entwicklungshämmender Faktor identifiziert. So ist internationaler Handel innerhalb Afrikas durch umfangreiche tarifäre und nicht-tarifäre Regularien beim Grenzübertritt erheblich schwerer möglich als etwa innerhalb der europäischen Union. Die nebenstehende Graphik stellt die Schwierigkeiten des Grenzübertritts in der dicke der jeweiligen Grenzlinien dar.

"Distance": Ein weiteres Thema in der aktuellen Ausgabe des WDR (World Development Report) ist der anhaltende Strom der Massen in die Städte. Insbesondere auch die ärmeren Bevölkerungsschichten wollen somit näher an potenzielle Arbeitsstätten ziehen und verstärken einen Trend der seit dem Beginn der Industrialisierung gilt. In den USA, in denen jedes Jahr 8 Millionen Amerikaner ihren Wohnort zwischen zwei Bundesstaaten wechseln, hilft diese Mobilität, Veränderungen der Wirtschaft auszugleichen und den Wohlstand zu erhalten oder zu erhöhen. Größere Probleme ergeben sich aus der Mobilität der Unterschichten in Entwicklungsländern: Jeder dritte Land-Stadt-Migrant - insgesamt über eine Milliarde - schafft es nur bis in die Slums und Favelas der Großstädte. Bis 2050, so die Prognose, könnte sich diese Zahl wiederum verdoppeln.

"Density": Durch den Zuzug entstehen Metropolen bisher ungeahnter Größe. Ein Beispiel für diesen Trend bietet das chinesische Shanghai. Dort ist im Delta des Jangtse-Flusses in den letzten Jahren eines der am dichtesten besiedelten Industriegebiete der Welt entstanden. Dahinter steckt das Gesetz der sinkenden Stückkosten (economy of scale) nach dem die Erträge umso höher steigen, je mehr an Ort und Stelle produziert wird.

Doch das stimmt - wie die aktuelle Weltwirtschaftskrise zeigt - nur bei stetig steigender Nachfrage. In den produktivsten Städten Chinas kommt es inzwischen zu Massenentlassungen und zahlreichen Konkursen. Die Kehrseite der Globalisierung führt in China zu Unruhen und wütenden Demonstrationen.

Auch für die Mobilität des Menschen ist die zunehmende Konzentration auf Megastädte speziell in der Welt der "Emerging Markets" und der "Developing Countries" problematisch. Das Ende der Mobilität ist vorauszusehen. Neben steigenden Energiepreisen und dadurch steigenden Transportkosten, erschweren es vor allem übervölkerte Urbanisationen den derzeitigen Grad der Beweglichkeit aufrecht zu erhalten. Schon heute kommen die Einwohner von Städten wie Mumbai oder Sao Paulo pro Stunde im Durchschnitt höchstens 15 Kilometer weit.

Quellen: WDR 2009 (www.worldbank.org), Frankfurter allgemeine Sonntagszeitung vom 28.12.08, Seite 53

Tuesday, September 9, 2008

Energie - heute und morgen, Teil 1: Energiepolitik am Beispiel von CDU und Die Linke





Welches sind die Energieträger der Zukunft? Dies ist wohl eine der wichtigsten Fragen zu Beginn des 21. Jahrhunderts.

Dieser Artikel beschreibt, wie ich durch eine eher peinliche Unterhaltung mit meiner Vermieterin dazu kam, mich über die offiziellen Meinungen der Parteien CDU und Die Linke zum Thema Energiepolitik zu informieren. Wie sieht die Planung dieser Parteien hinsichtlich unserer Zukunft aus? Wie ernst sind ihre Ambitionen zu nehmen? Dieser Artikel ist der erste Teil der Reihe "Energie heute und morgen". Der zweite noch folgende Teil wird dann meine persönlichen, energiestrategischen Überlegungen zu einer zukunftsfähigen Stadt behandeln.

Steigende Benzinpreise kündigen dem Verbraucher das Ende der fossilen Ära an. Atomenergie gewinnt durch die Diskussion um den Kohlendioxid-Ausstoß wieder Befürworter. Die Neutralität hinsichtlich der Treibhausgase ist aber auch schon das einzige wirkliche Argument für Atomkraft; der Nutzen relativiert sich schnell, wenn man die damit verbundenen Risiken betrachtet: Unvergessen ist die Katastrophe von Tschernobyl vom 26. April 1986. Abgesehen vom nuklearen Super-GAU bleibt die Frage der Endlagerung. Je länger Strom mit Atomenergie erzeugt wird, umso mehr radioaktiver Müll häuft sich an, dessen sichere Verwahrung nicht nur risikobehaftet ist, sondern auch viel Geld verschlingt. Die Halbwertszeit, also die Zeit bis die schädliche Radioaktivität abgeklungen ist, bewegt sich in Dimensionen von rund 240.000 Jahren (Quelle: NABU). Niemand kann die Verwahrung des Materials auf einen so langen Zeitraum sicherstellen!
Dazu ein kleiner Exkurs in zeiträumliche Dimensionen: Geht man 240.000 Jahre zurück in die Vergangenheit befindet man sich in der Mindel-Riss-, bzw. Holsteinwarmzeit, dazwischen liegen die letzen beiden Eiszeiten ( Riss- und Würmeiszeit für die Vergletscherung ausgehend von den Alpen und parallel dazu Saale- und Weichseleiszeit für die Vergletscherung Norddeutschlands von der Nordpolarregion aus), die dazwischen liegende Warmzeit, sowie die gerade mal 10.000 Jahre währende Warmzeit des Holozäns, in der wir uns heute befinden. Der moderne Mensch betrat wohl vor etwa 35.000 Jahren die Weltbühne, wie die Funde bei Cro Magnon in Frankreich belegen. Unter den harten Lebensbedingungen während der Würm/Weichseleiszeit schafften es unsere Vorfahren Jahrtausende zu überleben, bis das Holozän vor etwa 10.000 Jahren ihnen eine Besserung des Klimas versprach (wer sich in dieser Hinsicht informieren möchte, der lese zur Einführung Goudie 2002, Kap. 2.7 Klimaänderungen, S. 53-62).
Doch zurück in die Zukunft! Wer kann allen Ernstes die Verwahrung des Atommülls in den nächsten 240.000 Jahren verantworten? Wann kommt die nächste Eiszeit? Wann wird die massive Grundmoräne der von Skandinavien kommenden Gletscher die Atomendlager in Norddeutschland schleifen? Was passiert wenn sich die Gletscher nach der nächsten Eiszeit wieder zurückziehen und der nach wie vor radioaktive Atommüll freigelegt wird? Wer jetzt mit dem Vorschlag kommt, man müsse den Treibhauseffekt vorantreiben, damit man die nächste Eiszeit verhindere, den würde ich gerne persönlich erwürgen!



Quelle: Ulmer Ärzteinitiative

Ganz zu schweigen von dem gesundheitlichen Risiko, steht fest, dass die Wartung des Atommülls uns und unsere Kindeskinder sehr viel Geld kosten wird – ein Aufwand der sich umso mehr erhöht, je länger wir Atomenergie nutzen, also je mehr Atommüll wir produzieren.

Nächster Exkurs: Als ich mit meiner Freundin vergangene Woche den Mietvertrag zu unserer neuen Wohnung unterschrieb, fiel das Gespräch mit unserer freundlichen, etwas in die Jahre gekommenen Vermieterin (geboren vermutlich um die Weichsel-/Würmeiszeit) auf die Politik. Sie regte sich über Die Linke auf, die ja derzeit durch ein Bündnis mit der SPD in den hessischen Landtag einziehen könnte. Sie als CDU-Wählerin war der Meinung, das seien doch die Kommunisten aus dem alten DDR-Regime und die würden nun bei uns ihre Diktatur des Proletariats neu errichten wollen – man könne doch alternativ die FDP wählen, aber doch bitte nicht die Linken! Mit prüfendem, beinahe drohendem Blick sah sie mich daraufhin an und sagte: „Sie sind doch nicht etwa auch einer von denen?“ Nachdem ich zunächst zur Salzsäule erstarrte, konnte ich mich noch irgendwie herausreden ohne eine definitive Antwort zu geben, denn der Mietvertrag – das war in dem Moment für uns das Wichtigste – war noch nicht unterschrieben.
Auch wenn ich in meinem kurzen Wählerdasein nie die Linkspartei gewählt habe, sympathisiere ich politisch doch definitiv eher mit den linksgerichteten, als mit den rechtsgerichteten Parteien. In diesem Moment wusste ich, wie es sich anfühlt in die nicht einmal selbstverschuldete Unmündigkeit herabzusinken und zum politischen „Ja-Sager“ zu werden – die Wohnung haben wir aber bekommen!

Dieses Erlebnis nun motivierte mich halb aus Trotz, halb aus Neugier, die in der politischen Öffentlichkeit viel gescholtene Linkspartei, der ja vor allem Populismus vorgeworfen wird, einmal genauer unter die Lupe zu nehmen und mit der CDU (meiner Vermieterin) zu vergleichen, womit wir wieder beim eigentlichen Thema der Energiepolitik sind.

Zunächst zur Bundesregierung unter Führung der CDU, deren politische Strategie einen „breiten Energieträger-Mix“ beinhaltet (Quelle: Infodokument auf der offiziellen Seite der CDU). Sie will den marktwirtschaftlichen Wettbewerb fördern und so die die Energiepreise stabil halten und will dabei auf „absehbare Zeit [nicht] auf den erheblichen Beitrag der Kernenergie“ verzichten.
Sie setzt betont auf Forschung und Entwicklung innovativer Technologien. Die Fördermittel lesen sich aber vergleichsweise spärlich: „[B]is 2009 fließen 2 Milliarden Euro in diesen Forschungsbereich. Für die Förderung sparsamer Energieverwendung werden 24,9 Millionen Euro bereitgestellt.“ Dem ist beispielsweise eine Aussage der Linkspartei über die Gewinne der Ölkonzerne gegenüberzustellen: „Exxon-Mobile, BP, Shell und Total, die gemeinsam den deutschen Markt beherrschen, haben 2006 zusammen einen Gewinn von 100 Milliarden Euro gemacht.“ (Quelle: Infodokument der Linkspartei) Gegen die enormen Profite die auf dem Markt fossiler Energien gemacht werden, erscheinen 2 Milliarden Euro, die in die Erforschung von erneuerbaren Energien gesteckt werden, als Tropfen auf dem heißen Stein.
Doch zurück zum Plan der CDU: Die europäischen Kohlekraftwerke sollen modernisiert werden, um „die CO2-Emissionen in der EU um 300 bis 400 Millionen Tonnen“ zu senken. Visuell verdeutlicht die folgende Grafik des Umweltbundesamts die Strategie eines „bunten“ Energieträgermixes, die die Stromerzeugung nach Energieträgern im deutschen Kraftwerkpark darstellt.



Quelle: Umweltbundesamt

Neben einer generellen Effizienzsteigerung ist die Strategie im Hinblick auf das Jahr 2020 vor allem den Anteil von Erdgas zu steigern – so viel zum Thema „die Risiken der Importabhängigkeit zu mindern“. Während der Anteil des Erdgases grob geschätzt verdreifacht werden soll, ist für die erneuerbaren Energien in etwa eine Verdoppelung vorgesehen. Nimmt man fossile Energien und Atomkraft in der Grafik zusammen, machen diese Energieträger auch im Jahr 2020 noch die überwältigende Mehrheit der Stromerzeugung in Deutschland aus. Hinzu kommt der in der Grafik unklare Anteil der fossilen Energien an der „Effizienzsteigerung“.
Vergleicht man das Informationsdokument zur Energiepolitik der CDU mit dem der Linkspartei, fällt auf, dass jenes der CDU mit 3 Seiten recht spärlich ausfällt, wohingegen letztere dem Thema ganze 10 Seiten widmet. Die CDU betont in ihrem Programm immer wieder die Wirtschaftlichkeit und setzt sie in Aufzählungen meist an erste Stelle:

„Marktwirtschaftliche Lösungsansätze bieten die Chance, wirtschaftliche Effizienz, gerechte Lebenschancen, Klimaschutz und die Bewahrung der natürlichen Lebensgrundlagen miteinander in Einklang zu bringen.“

oder

„[…] Grundlage für die ökonomische, ökologische und soziale Entwicklung in Deutschland […]“

oder auch

„Für eine sichere, wirtschaftliche und umweltverträgliche Energieversorgung […]“.

Angesichts der geplanten Energieerzeugung im Jahr 2020, die nach wie vor zum größten Teil auf fossiler Energie beruht, und der ausdrücklichen Betonung der Wirtschaftlichkeit, kommt der Verdacht auf, dass das große Motto der CDU – „Die CDU steht für eine nachhaltige Energiepolitik.“ – sich vor allem auf eine wirtschaftliche Nachhaltigkeit bezieht.
Doch woher stammt eigentlich die Idee, an der so viele festhalten, dass erneuerbare Energien nicht wirtschaftlich seien? Ist es nicht vielmehr die Lobby von Atomenergie und fossiler Brennstoffe, die uns dies aus Angst um ihre Existenz weismachen will? Steckt zudem nicht ein enormes wirtschaftliches Potential in den erneuerbaren Energien – zumal Deutschland in Umwelttechnologien gegenüber anderen Staaten bis jetzt noch Vorreiter ist. Gerade erneuerbare Energien bieten uns die einmalige Chance von der Importabhängigkeit wegzukommen und „unsere“ Technologien gewinnbringend zu vermarkten.
Doch nun zum Info-Dokument der Linkspartei: „Energiewende – sozial, ökologisch, friedlich“ ist das Motto. Im Gegensatz zum marktwirtschaftlichen Wettbewerb, den die CDU fördern will, setzt Die Linke in der Energiewirtschaft auf Gemeinwohlorientierung statt Profitmaximierung und stellt sich daher gegen die Oligopole der großen Strom-Konzerne E.ON, RWE, Vattenfall und EnBW, die 80 Prozent der Stromerzeugung in Deutschland kontrollieren.
Außenpolitik ist ein Thema, dass die CDU nur mit dem Begriff „Importunabhängigkeit“ streift, und sich dabei aber, wie oben dargestellt mit ihrer Erdgas-Politik „vergaloppiert“. Energiepolitik ist bei der Linkspartei auch Friedenspolitik: Sie bringt die Militarisierung der Energieressourcensicherung zur Sprache und meint damit nicht nur die USA, deren Interesse an irakischen Ölvorkommen kein Geheimnis mehr ist.
Bestes aktuelles Beispiel ist der Krieg um die rohstoffreichen Gebiete Süd-Ossetien und Abchasien, die offiziell Georgien angehören, aber von russischer Seite nach den jüngsten Konflikten, in Verbindung mit dem Einmarsch russischer Truppen in georgisches Territorium jenseits der Konfliktgebiete, als „unabhängig“ anerkannt werden. Letztlich ist doch klar, warum diese Gebiete Russland so wichtig sind und auf der anderen Seite auch, warum die USA Georgien so viel Unterstützung zusprechen.
Genauso klar ist, warum zur Zeit der Sowjetunion russische Migranten in diese Gebiete entsandt worden sind. Eine ähnliche Strategie verfolgte die Sowjetunion beispielsweise schon in Lettland, wo auch heute noch die Hälfte der Bevölkerung russischer Herkunft ist: Zur Herrschaftssicherung sollten sich die russischen Einwanderer mit der lettischen Bevölkerung auf friedlichen Wege, durch Heirat, vermischen.
Dank der Einwanderung nach Süd-Ossetien und Abchasien während des sowjetischen Regimes fällt es Moskau heutzutage leicht, die Verteidigung bzw. Vereinnahmung der von Georgien abtrünnigen Gebiete recht zu fertigen: Man schützt ja nur seine Bevölkerung.
Mit knapper werdenden fossilen Rohstoffen, werden also auch die Konflikte um selbige zunehmen. Umso mehr bieten erneuerbare Energien die Chance sich von außenpolitischen Einflüssen zu befreien – die Linkspartei trägt diesem Umstand einfach besser Rechnung.
Neben der Nutzung regenerativer Energien, fordert Die Linke „ein radikales Umdenken bei den Konsummustern und im persönlichen Verhalten.“ Hinsichtlich dem „radikalen Umdenken“ empfehle ich jedem die „Story of Stuff“ der US-Amerikanerin Annie Leonard.
Bei dem Wort „radikal“ in Verbindung mit Linken sehen Viele sprichwörtlich „rot“. Wie auch meine Vermieterin sehen sie schon die blutige Revolution kommen, sollten jemals die Linken an die Macht kommen.
Wer sich das Parteiprogramm der Linkspartei durchliest, wird aber einsehen müssen, dass sich die Zeiten gewandelt haben: Die demokratische Grundordnung wird nicht in Frage gestellt. Stattdessen betont Die Linke die soziale Frage, was in Zeiten steigender sozialer Ungleichheit nur berechtigt ist. Auch die Energiepolitik müsse, so Die Linke, sozial gestaltet werden, indem zum Beispiel die Ökosteuer sozial gerecht weiterentwickelt werde. Wer viel verbraucht, zahlt auch viel – ist das etwa ungerecht oder populistisch?
Insgesamt hat die Linkspartei im Vergleich mit der CDU einfach das bessere Gesamtkonzept, bzw. sie geht auf die wirklich wichtigen Fragen ein, welche von der CDU meist außen vor gelassen werden. Sicherlich ist dies auch dadurch begründet, dass die CDU die Regierung stellt und politisch stärker eingebunden ist, während es der Linkspartei als Opposition leicht fällt Kritik zu üben. Aber genau das ist das Problem: Die CDU lässt sich von den Energiekonzernen, bzw. von der gesamten Wirtschaft zu sehr einwickeln und vergisst dabei die Vernunft. Sie schmückt sich zwar mit Worten wie „Nachhaltigkeit“, wird diesen aber nicht ansatzweise gerecht.
Das Fazit der Linkspartei hingegen ist überhaupt nicht wirklichkeitsfremd oder gar populistisch, sondern liest sich geradezu wie ein Lehrbuch der Geographie, das die zentralen Probleme des 21. Jahrhunderts behandelt:

„Angesichts des Klimawandels ist das bisherige Wohlstandsmodell der Industriemoderne grundlegend zu überprüfen. Bestehende Wohlstandsgefälle werden sonst durch neue Formen globaler ökologischer Apartheid verstärkt. Zur Eindämmung des Klimawandels sind erhebliche Änderungen in den Produktions- und Konsummustern erforderlich. Dazu bedarf es Ressourcen sparender Technologien, aber auch einer Änderung von Lebensstilen. Beides kann nicht allein den Märkten überlassen werden. Damit der Wandel nicht zu einer Vertiefung von sozialen Spaltungen führt, ist ein Primat der Politik unabdingbar. Klimaschutz braucht soziale Akzeptanz. Globaler Frieden braucht Klimaschutz.“

Mein Fazit: Ich habe noch vor bis mindestens 2064 auf diesem Planeten zu leben, dann bin ich 80 Jahre alt und habe „mein Leben gelebt“, meine Kinder werden dann auch schon erwachsen sein und vielleicht auch schon Kinder haben. Bei dem derzeitigen Verbrauch werden die fossilen Rohstoffe aufgebraucht sein oder stark dezimiert und unbezahlbar. Ich möchte auch nicht, dass ich und meine Kinder dann noch mehr Steuern für die sichere Verwahrung von Atommüll zahlen müssen, als wir es nach dem heutigen Stand schon tun müssen.
Wenn ich die Wahl zwischen den zwei genannten Parteien hätte, wüsste ich in welche Hände ich meinen kleinen Anteil an der Souveränität in dieser Demokratie legen würde, so dass ich beruhigt dahinscheiden könnte, in der Gewissheit, dass meinen Kindern eine Grundlage nachhaltigen Lebens gegeben ist.
Ach ja, da fällt mir ein: Ich habe ja die Wahl und der Mietvertrag ist auch längst unterschrieben! Vielen Dank möchte ich an dieser Stelle meiner Vermieterin aussprechen, da sie mir – ohne es zu wollen – in dieser Hinsicht ein Stückchen weiter die Augen geöffnet hat.

Steffen Hirth

PS: Ich möchte nur klarstellen, dass ich mich an dieser Stelle nicht als zukünftiger Wähler der Linkspartei zu erkennen gebe. Die Wahl ist ja bekanntlich geheim. Mit dem Artikel wollte ich nur aufzeigen, dass Die Linke durchaus eine ernstzunehmende Partei ist, was ihr von großen Teilen der anderen Parteien häufig abgesprochen wird, wohl auch um sie klein zu halten und mögliche Wähler abzuschrecken. Ob die Linkspartei hält, was sie verspricht, wenn sie an die Macht kommt, ist sowieso eine andere Frage. Parteien wie die CDU mögen auf den ersten Blick vielleicht bodenständiger oder realitätsnäher erscheinen, weil sie ganz einfach geringere Ambitionen haben, etwas zu verändern. Ohne Änderung aber werden wir, die Menschheit – denn so viel habe ich nicht nur durch mein Geographiestudium bisher gelernt – kräftig auf die Schnauze fliegen. Auch wenn viele Wähler in Deutschland sich scheinbar schon mit einem Bein im Grab fühlen: Denkt bei der nächsten Wahl doch bitte trotzdem an eure Kinder, Enkelkinder und Urenkel und deren Kinder und deren Kinder und deren Kinder und deren Kinder und deren Kinder...

Literatur:

Goudie, Andrew (2002): Physische Geographie - Eine Einführung. München.

Hier geht's direkt zum zweiten Teil der Reihe "Energie - heute und morgen".

Thursday, May 29, 2008

Hans Roslings "Gapminder"

Das verbreitete Bild des Zustandes unserer Welt heute sieht etwa so aus: In West-Europa und den anderen Staaten der OECD, dem "Country-Club der Vereinten Nationen", leben die Menschen in Wohlstand, mit hoher Lebenserwartung und wenig Kindern. Überall sonst vermuten wir Dunkelheit, Armut und vor allem unverändert Hoffnungslosigkeit.


Aber ist die Welt tatsächlich so eindeutig zweigeteilt in reich und arm?

Hans Rosling, ein schwedischer Professor für internationale Gesundheit in Stockholm ist da anderer Meinung. Nach Jahrzehnten der Feldforschung und vielen tausend Interviews mit Menschen aus den so genannten "dritte-Welt Ländern" glaubt er, genug gesehen zu haben um ein anderes Bild der Welt zu beweisen. Und das tut er in einer spektakulär eingängigen Weise, kostenlos und einfach zugänglich über das Internet:

Auf seiner Gapminder-Homepage macht er statistische Daten zugänglich und visualisiert sie, indem er die Daten im Zeitverlauf animiert. So kann man dort den Entwicklungsstand von Bangladesh in einem "Wettrennen" gegen Pakistan antreten lassen und die immensen Veränderungen in den meisten "Entwicklungsländern" im Zeitraffer beobachten. Beliebige Länder lassen sich in ihrer Entwicklung vergleichen. Jedes Land ist als ein Kreis entsprechend seiner Größe dargestellt und je nachdem welche Entwicklungs-Parameter eingestellt sind , können wir wie in einem Glas Soda beobachten, wie die Bläschen aufsteigen und sich der Zustand unserer Welt verändert hat und vielleicht weiterhin verändern wird.

Und tatsächlich ist so mancher statistisch belegter Entwicklungsparameter (wie zum Beispiel Lebenserwartung, pro Kopf-Einkommen oder pro Kopf CO²-Ausstoß) für eine Überraschung gut. So kann sich jeder selbst davon überzeugen, dass so manches Bild, das wir uns heute von der sogenannten "dritten Welt" machen, tatsächlich ein halbes Jahrhundert alt ist und heute nur noch wenig mit der Realität zu tun hat.

Friday, January 18, 2008









„Der reiche Norden“ – Remittances als Armutsbekämpfungsstrategie in der „Dritten Welt“ (Teil 1)


von Simon Argus


Inhalt


1 Einführung, Fragestellung, Begründung und Struktur der Hausarbeit

2 Definition und Funktionsweise von Remittances

3 Qualitative Effekte durch Remittances
3.1 Die Empfänger und Empfangsdauer von Remittances
3.2 Die Verwendung von Remittances auf der Mikro-Ebene und die Effekte auf die menschliche Entwicklung.
3.3 Auswirkungen auf die Makro-Ebene
3.4 Soziale Probleme durch Remittances
3.5 Verringern Remittances die Armut?

4 Fallbeispiel Indien – Region Kerala

5 Fazit

6 Bibliographie


1 Einführung, Fragestellung, Begründung und Struktur der Hausarbeit

Diese Hausarbeit wird sich mit den Auswirkungen von finanziellen und sonstigen Transfers von Migranten aus deren Gastländern zurück in ihre Herkunftsländer beschäftigen.
Diese Transfers werden im Allgemeinen mit dem englischen Begriff „Remittances“ beschrieben, im Deutschen „Rücküberweisungen“ genannt. Vereinzelt ist auch der Begriff „Rimessen“ in Gebrauch.

Die Fragestellung der Hausarbeit orientiert sich am Thema des Seminars „geographische Armutsforschung“ und lautet: Sind „Remittances“ ein geeignetes Mittel zur Armutsbekämpfung in Entwicklungsländern?

Die Fragestellung erschließt sich schon allein aus dem sehr großen Ausmaß, das die Zahlung von Remittances gerade in den letzten Jahren und Jahrzehnten angenommen hat. Migranten unterstützen auf dem privaten Weg ihre Familien durch Auslandsüberweisungen über offizielle und inoffizielle Kanäle. Was sind ihre Anreize dazu, wie hoffen die betroffenen Gruppen dadurch ihren Lebensstandard zu erhöhen? Und welche weiterreichenden Folgen haben diese Zahlungen auf den Wohlstand in ihrem Lande?

Meine Hausarbeit wird sich mit den verschiedenen Faktoren beschäftigen, die bestimmen wie Remittances zu Vorteilen aber auch Problemen für die betroffenen Gruppen führen. Dabei spielen direkte und indirekte Faktoren, wie die Akkumulation von Kapital und die Schaffung von Arbeitsplätzen eine Rolle.
Das Ziel der Hausarbeit ist eine dezidierte Beschreibung der verschiedenen Faktoren, die für die Auswirkungen von Remittances auf die Armutsbekämpfung eine Rolle spielen, sodass im Endeffekt eine Aussage darüber getroffen werden kann, ob es sich hierbei um ein wirksames Mittel zur Armutsbekämpfung handelt.

Zunächst werde ich den Begriff „Remittances“ oder „Remissen“ näher beschreiben und definieren. Anschließend werde ich auf die qualitativen Effekte durch Remittances eingehen – also welche Mechanismen durch sie ausgelöst werden. Schließlich werde ich versuchen anhand eines Fallbeispiels diese Mechanismen und Auswirkungen zu belegen.


2 Definition und Funktionsweise von Remittances

Der Begriff „Remittances“, „Rücküberweisungen“ oder „Remissen“ umschließt Geldüberweisungen aus dem Ausland, Güter, die von Migranten in ihre Heimat geschickt werden und Güter sowie Geldmengen, die Migranten bei ihrer Rückkehr aus dem Ausland mitbringen. (OECD: 2006)

Hierbei ist zu beachten, dass regelmäßige Geldüberweisungen den größeren Teil der Remittances ausmachen, „mitgebrachte“ Remittances spielen aber auch eine gewisse Rolle, speziell in Hinsicht auf die so genannte Pendel-Migration, bei der Migranten nur saisonal ins Ausland reisen, dies aber über mehrere Jahre hinweg immer wieder.

Die Transferierung der Remittances kann auf verschiedene Weisen geschehen, es werden zunächst offizielle von inoffiziellen Kanälen unterschieden: Die offiziellen Kanäle beinhalten Geldinstitute wie „Western Union“ oder „Money-Gram“ aber auch andere ähnliche Einrichtungen. Informelle Transfer-Kanäle sind die Netzwerke des „hawala“-Systems im mittleren Orient oder des „hundi“-Systems in Indien. Diese informellen Kanäle sind in der Regel weniger teuer und eher in der Lage die Zahlungen schnell auch in eher isolierte und ländliche Regionen zu übermitteln (KATSELI 2006: 48).

Es besteht heute keine Möglichkeit diese Zahlungsströme (und auch Güterströme) exakt zu quantifizieren. Lediglich die offiziellen Kanäle, also Überweisungen per Western-Union, Money-Gram oder ähnlichen Instituten werden erfasst. Aber bereits deren Umfang von 240 Milliarden Dollar im Jahr 2007 (im Vergleich: 170 Milliarden in 2002) lässt auf die bedeutende Dimension der Remittances schließen und gewisse Auswirkungen – auch auf die Armutssituation in den betroffenen Ländern – annehmen. (WORLDBANK 2007: 2)

In Abb.1 sehen wir, dass Remittances seit Mitte der 90er Jahre bereits die offizielle Entwicklungshilfe übersteigen:

Thursday, January 17, 2008







„Der reiche Norden“ – Remittances als Armutsbekämpfungsstrategie in der „Dritten Welt“ (Teil 2)

3 Qualitative Effekte durch Remittances


Die finanziellen Transfers der Migranten gehen in der Regel an die im Heimatland zurück gebliebenen Familienmitglieder und den nahen Familienumkreis. Die Transfers sind eine direkte und unkomplizierte Überweisung und haben dadurch eine hohe Effektivität. Sie werden nicht von einer Regierung oder einer internationalen Organisation verteilt – es fallen keine Verwaltungsaufwände oder Verteilungsprobleme an.
Gleichzeitig – wenn man das große Volumen dieser Überweisungen betrachtet – wird klar, dass diese Überweisungen ein Instrument von erheblicher Bedeutung sind, die einen starken Einfluss auf die Entwicklung des betroffenen Landes haben können.
Diese „Transfer-Schocks“ haben auf verschiedene Weisen sofortigen und direkten Einfluss auf die Armut, auf das Wachstum, auf Einkommenssubstituierung und Einkommens-wachstum.

Indirekte Effekte werden durch Veränderungen in der Produktivität hervorgerufen. Denn die ausländischen Devisen unterstützen die Sparquote in den Entwicklungsländern. Dies wiederum kann zu Investitionen im informellen Sektor für kleine Unternehmungen und Projekte verhelfen. Gleichzeitig fließt aber auch ein großer Teil der Überweisungen aus dem Ausland in den Konsum.
Ein weiterer bedeutender Vorteil der „Remittances“ für die Entwicklung eines Landes liegt auch in seiner Stabilität, insbesondere im Vergleich mit den normalen Finanzströmen eines solchen
Landes. Ein antizyklischer Effekt kann entstehen, der einen stabilisierenden Einfluss auf die noch unterentwickelte Wirtschaft eines solchen Landes haben kann.

Im Folgenden werde ich diese vielen verschiedenen Einflüsse im Detail betrachten.

3.1 Die Empfänger und Empfangsdauer von Remittances

Um die möglichen Einflüsse und Konsequenzen der „Remittances“ besser zu verstehen, müssen wir zunächst die Empfänger dieser Transfers kennen. Aber die Effekte werden nicht nur durch die Gruppe der Empfänger (also z.B. Arme oder Reiche Empfänger) sondern auch durch die Dauer der Zahlungen bedingt. Entweder die Transfers werden als eine regelmäßige Zahlung
oder aber als temporäres Zusatzeinkommen wahrgenommen – diese Unterscheidung in der Wahrnehmung führt natürlich auch zu einer Unterscheidung in der Verwendung der zusätzlichen Mittel.

Zur ersten Frage: Welche Familien-Kategorien und welche Länder-Kategorien empfangen den Großteil der Überweisungen?
Ob eher arme Familien von diesen Überweisungen profitieren können liegt vor allem an zwei Punkten: Haben Mitglieder der Familie überhaupt die Möglichkeit zu emigrieren und wie viel überweisen diese Migranten an ihre Familie in der Heimat? Beide Faktoren sind durch die
verschiedenen Bedingungen für Migration in den jeweiligen Ländern bestimmt.

In Ägypten, einem vergleichsweise wohlhabenden Land Afrikas, sind Familien mittleren Einkommens nicht emigriert. Nur Familien mit relativ hohen oder relativ niederen Einkommen gehören zur Gruppe der Migranten und haben in der Folge die Ungleichheiten der familiären Einnahmen verstärkt. (ADAMS 2001: 14)
Während die Gruppen mit hohem und niederem Einkommen von den Auslandsüberweisungen profitiert haben, waren die Mitglieder der Mittelschicht von diesem Prozess weitgehend ausgeschlossen. Der Anstieg der Ungleichheit ist in diesem Falle hauptsächlich das Resultat der Struktur der Migranten und kein Ergebnis der unterschiedlichen Höhe von Transfer-Zahlungen.
(ADAMS 2001: 14)

In anderen Entwicklungsländern ist es wahrscheinlicher, dass die Gruppen mit niedrigeren Einkommen in ihren Heimatländern verbleiben. Sie können die Kosten für eine Migration – also Reisekosten, Kosten für Visa etc. - oft nicht aufbringen oder sie haben keinen Zugang zu den notwendigen Netzwerken.
Der Unterschied zu den unteren Einkommensgruppen in Ägypten besteht darin, dass „niederes Einkommen“ in verschiedenen Ländern unterschiedlich definiert wird – und Ägypten eben relativ weiter entwickelt ist als viele andere betroffenen Länder. Es lässt sich also abschließend sagen, dass es vor allem auf den Kontext des Herkunftslandes ankommt, ob die „unteren
Schichten“ in den Genuss der Zahlungen kommen. (ADAMS 2001: 9)

Dennoch lässt sich in absoluten Begriffen ein gewisses Schema erkennen: Eine Kurve in der Form eines umgedrehten „U“ (siehe Abb.2) beschreibt annähernd den Zusammenhang zwischen Einkommen pro Kopf (auf der X-Achse) und der internationalen Migration eines Landes. Länder mit einem geringen Pro Kopf Einkommen generieren somit weniger Migranten als Länder mit einem mittleren Einkommen. (ADAMS 2003: 18)














Abb.2 Quelle: Eigener Entwurf

Entwicklungsländer, die von einer starken Armut gekennzeichnet sind, produzieren also dennoch weniger Migranten. Wegen der relativ hohen Kosten von Migration kommt die Mehrheit der Migranten aus Ländern, deren Einkommen etwas über der Armutsgrenze liegt. (ADAMS 2003: 18)

Zweite Frage: Wie entwickelt sich die Zahlung von Remittances über die Zeit? Dies wird von
zwei logischen Faktoren bedingt: Zum einen steigen die mittleren Einkommen der Migranten über die Zeit. Sie lernen neue Fähigkeiten und verbessern sich zum Beispiel in der Sprache, was ihnen helfen kann, eine bessere Anstellung im Gastland zu finden. Die Löhne steigen und so kann mehr Geld in die Heimat überwiesen werden.
Der zweite Faktor ist, dass die anhaltende Trennung auch die Verbundenheit zwischen dem Migranten und seiner Familie mindern kann. In einer Studie zeigt David McKenzie, dass die Erwartung Geld zu empfangen (und zu überweisen) mit der Zeit abnimmt.

Es ist außerdem zu Beobachten, dass diejenigen Migranten, die Familienmitglieder in ihren Heimatländern zurücklassen deutlich mehr Geld überweisen, als diejenigen, die gemeinsam mit ihren Familien emigrieren. Das heißt, dass die Intention zur Familie zurückzukehren ein Hauptfaktor ist, warum Migranten Ersparnisse ansammeln und in die Heimat zurück überweisen. Und in diesem Falle sind Remittances ganz klar temporär ausgelegt und werden folglich anders verwendet als reguläre Einkommen. (MCKENZIE 2006)

3.2 Die Verwendung von Remittances auf der Mikro-Ebene und die Effekte auf die menschliche Entwicklung.


Angesichts der Tatsache, dass „Remittances“ private Zahlungen sind, können die Sender und Empfänger dieser Gelder selbst darüber entscheiden, wie sie das Geld verwenden möchten. Es gibt verschiedene Wahlmöglichkeiten – generell wählt man dabei stets auch zwischen Investition oder Konsumation.
Der Kauf von basis-Konsumgütern wurde als einer der Hauptverwendungszwecke von „Remittances“ ausgemacht. Oft ist es schwierig eine Politik durchzusetzen, die eine produktivere Verwendung der Mittel durch die Haushalte erwirkt. (COSS 2006: 8)

Die Entscheidung, die Gelder aus den Überweisungen zu investieren, anstatt sie zu konsumieren, könnte aber durch die Tatsache unterstützt werden, dass „Remittances“ eine eher temporäre Natur besitzen (wie wir im vorhergehenden Kapitel erkannt haben). In der Erwartung zurückgehender Transferzahlungen könnten Haushalte dazu neigen, das Geld zu investieren um aus einem temporären einen langfristigen Gewinn zu machen.

Eine solche Investition könnten Ausgaben für die Bildung der jüngeren Familienmitglieder oder höhere Ausgaben für die Gesundheit der Familie sein. Auf dieser Weise verbessern die „Remittances“ den „HDI“ (Human Development Index), also die allgemeine menschliche
Entwicklung in der betroffenen Gruppe.
Allgemein ist feststellbar, dass Haushalte, die Überweisungen aus dem Ausland erhalten mehr für Gesundheit ausgeben und eine höhere Schulbesuchs-Rate aufweisen. Es gibt Untersuchungen aus Sri Lanka und El Salvador, die diese Zusammenhänge belegen.
Dabei wird festgestellt, dass Kinder aus Familien, die in den Genuss von Auslands-überweisungen kommen, eine geringere Abbrecherrate auf Schulen aufweisen. Auf den Philippinen führte eine Erhöhung der „Remittances“ um 10% zu einer Erhöhung der Alphabeten-Rate um 1,7% und zu einer Verringerung der Kinderarbeit geführt. In Guatemala und Nicaragua haben Kinder aus Familien, die Überweisungen erhalten, eine bessere Gesundheit als Kinder aus anderen Familien mit sozio-demographisch ähnlichem Hintergrund. (COSS 2006: 10)

Nach anderen Untersuchungen ist ein weiteres Resultat eine (zwischen 3% und 4,5%) geringere Kindersterblichkeit und eine um 6,9% geringere Wahrscheinlichkeit von Unterernährung. Dies ist zudem das Ergebnis der Verbesserung des Wissens über Gesundheit in den betroffenen Familien. (MCKENZIE 2006)

Finanzielle Transfers können einer Familie auch erlauben in den Kreditmarkt einzutreten, da sie durch die Zahlungen höhere Garantien an die Kreditgeber machen können. Finanzielle Produkte
wie Sparkonten, Kredite und Versicherungen entstehen verstärkt in Ländern, die „Remittances“ erhalten. Diese Produkte haben eine hohe Bedeutung und sind eine der Hauptbedingungen für eine starke Entwicklung in diesen Ländern. (GLOBAL COMMISSION ON INTERNATIONAL MIGRATION 2006: 26)

Ein weiterer Aspekt ist die mögliche Verwendung der Transferzahlungen als eine Art Versicherung. Das heißt, dass die Familie temporäre Probleme durch geringe Einnahmen mit den Überweisungen aus dem Ausland ausgleichen kann. Beispiele hierfür finden sich in der Landwirtschaft, wo Einnahmen aufgrund von Trockenzeiten etc. oft starken Schwankungen durch das Jahr hindurch ausgesetzt sind oder einzelne Ernten ausfallen. Andere Beispiele sind Phasen von Krankheit oder Todesfälle in der Familie, bei denen ein „Ernährer“ der Familie ausfällt. (NUSCHELER 2006: 304)

Finanzielle Überweisungen können Haushalte aber auch mit einer gewissen Kapital-Decke ausstatten, die es erlaubt in kleine Unternehmungen oder kommerzielle Projekte zu investieren. Diese Investitionen können Trickle Down Effekte auch außerhalb der Familie zur Folge haben.


3.3 Auswirkungen auf die Makro-Ebene
Wir haben am Ende des Kapitels 3.2 bereits gesehen, dass Rücküberweisungen auch außerhalb des direkten Umfeldes der Geldempfänger Auswirkungen haben können. Diese Makro-Ökonomischen Effekte können der Gesellschaft eines ganzen Landes in verschiedener Weise helfen.

Sehr wichtig ist hierbei der Multiplikationseffekt, der durch steigende Ausgaben der direkten Empfänger hervorgerufen wird. Dies schafft zusätzliches Einkommen bei Anbietern von Gütern oder Dienstleistern im Land und kann so eine Art Kettenreaktion in Gang setzen.

Dieser Multiplikationseffekt ist allerdings an mehrere Bedingungen gebunden: Zusätzliche Ausgaben im Inland fördern eine zusätzliche inländische Produktion nur unter der Bedingung, dass genügend ungenutzte Kapazität (etwa Arbeitskraft) vorhanden ist. Wenn die Produktionskapazität limitiert ist, führt eine Erhöhung der Ausgaben im Land eher zu Preissteigerungen und verstärkten Ausgaben für Importe. Dies kann wiederum zu Inflation führen.

Ein weiterer Faktor, der dem genannten Multiplikationseffekt im Wege steht ist die räumliche Disparität in Hinsicht auf den Erhalt von Transferzahlungen. Diese möglicherweise
ungleichmäßige Verteilung kann zu einer Verschärfung der Ungleichheiten führen, da die Ausgaben eben nur in gewissen Regionen steigen können. Ob diese Ausgaben auch in anderen Regionen positive Auswirkungen haben hängt vom Grade der Vernetzung der Wirtschaft im Land ab. (KATSELI 2006: 53f)

Ein weiterer Makro-Ökonomischer Effekt resultiert aus der Verwendung der Remittances als Versicherung auf der Mikro-Ebene. Dies führt in der Gesamtwirtschaft zu antizyklischen Effekten und stabilisiert Einkommen von Haushalten im ganzen Land und während ökonomischer Krisen (etwa durch Dürreperioden). Die Empfänger-Gruppen von Remittances können in diesem Falle auch weiterhin Geld ausgeben, während ansonsten das wirtschaftliche Leben zu einem totalen Stillstand käme.

Des weiteren verstärken Rücküberweisungen die Infrastruktur des finanziellen Sektors in einem Land. Wie bereits in Kapitel 3.2 erwähnt sind die regelmäßigeren Einkommen durch Privatüberweisungen stabiler als der gewöhnliche Finanzfluss und erlaubt einem größeren Teil der Bevölkerung den Zugang zum Finanz- und Kreditmarkt. Eine Vereinfachung der
internationalen Überweisungen könnte zu einer Verstärkung dieses Effekts von Remittances auf die Entwicklung führen. (COSS 2006: 8ff)

Ein letzter Makro-Ökonomischer Effekt ist der Zufluss von ausländischem Kapital. Diese Folge aus den Zahlungen ist besonders wichtig für importabhängige Länder mit einer hohen Verschuldung. Diese Länder leiden an einer ungenügenden inländischen Produktionskapazität. Um ihre Produktion auszuweiten ist es jedoch notwendig die benötigten Maschinen und Technologien aus dem Ausland einzuführen. Der beschränkte Zugang zum internationalen Finanzmarkt und die geringen Devisenreserven verhindern diese Importe jedoch.

Unter diesen Umständen, können Remittances helfen eine kritische Schwelle zu überschreiten und die Produktion auszuweiten. In Abb.3 wird deutlich wie Remittances durch eine Verringerung der Auslandsverschuldung diesen Prozess unterstützen. In Ländern mit geringen Reserven ausländischer Währung sind Rücküberweisungen zur Hauptquelle für ausländische Devisen geworden.















Gleichzeitig gilt es auch einige Risiken zu beachten: Große Zahlungsströme aus dem Ausland können durch die dadurch verursachte Geldexpansion zu Inflation führen. Es ist dabei die Aufgabe nationaler Institutionen diese negativen Effekte einzudämmen. Dennoch gibt es Indizien, dass Remittances in einigen arabischen Ländern in den 1980er Jahren zu einer verstärkten Inflation geführt haben. (KATSELI 2006: 55)

Ein zweites Risiko ist die hervorgerufene Veränderung des Wechselkurses. Durch einen höheren Wechselkurs werden Importe billiger während es schwieriger wird eigene Waren im Ausland abzusetzen. Als Folge wird es schwieriger Güter zu exportieren oder Import-substituierende Industrien zu entwickeln. Eine Folge dieser Entwicklung sind zwangsweise ein Anstieg der Arbeitslosenquote und Schwierigkeiten, neue Arbeitsplätze zu schaffen. Es handelt sich hierbei um die gleiche Problematik wie bei erdölexportierenden Ländern. (GOLDIN 2006)


3.4 Soziale Probleme durch Remittances

Am Ende von Kapitel 3.3 habe ich bereits einige negative Effekte durch Remittances aufgeführt. Im Allgemeinen wurden die damit verbundenen Probleme in früheren Arbeiten über das Phänomen dramatischer gesehen als in neueren Studien. Inzwischen gibt es mehr positive als negative Beispiele für das Potenzial von Remittances.

Die Befürchtung war zunächst, dass ein „Kreislauf der Abhängigkeiten“ entsteht, geschaffen durch die Transferzahlungen aus dem Ausland. In diesem Kreislauf schafft das zusätzliche Kapital einen Anreiz für ein unproduktiveres Verhalten der Empfänger. (McKenzie: 2006)

Aber obwohl die allgemeine Skepsis in diesem Zusammenhang nachgelassen hat, so muss man doch einige bedeutende Risiken beachten.

Es gibt Hinweise die Zeigen, dass Empfänger von Transferzahlungen von diesen abhängig werden und den Anreiz zum erwirtschaften zusätzlichen Einkommens vermindern. Remittances wurden demnach benutzt um geringe Einkommen schlecht bezahlter Arbeit zu ersetzen (substituieren) aber sie haben nicht in jedem Fall dazu geführt, verstärkt neue Einkommensquellen zu erschließen. Diese Tendenzen sind vor allem in Kreisen geringerer Bildungsniveaus zu beobachten und kommen in besser gebildeten Umfeldern seltener vor.

Wenn Familien den Erhalt von Transferzahlungen nicht als vorübergehend ansehen können sie sich davon abhängig machen (vergleiche Kapitel 3.2). Das heißt diese Zahlungen führen zu einer geringeren Motivation zur Weiterentwicklung eigener Fähigkeiten und zu weniger Investitionen für längerfristige zusätzliche Einkommen. Wenn Rücküberweisungen als langfristige Lösung angesehen werden, ziehen die jüngeren Familienmitglieder eine baldige Migration einer abgeschlossenen Schulbildung vor – ein sozialer Abstieg ist mit dieser Entwicklung verbunden.
Viele Jugendliche besuchen daher weder die Schule, noch gehen sie einer geregelten Arbeit nach, sondern sie warten auf die Möglichkeit und das nötige Alter zu migrieren.

Untersuchungen haben ergeben, dass in einigen Gebieten ein Zusammenhang zwischen Migration und einer geringeren Schulbildung besteht. Kinder aus Migrantenfamilien haben eine geringere Schulbesuchsrate als andere Jugendliche. Söhne, deren Eltern mit ihrem niedrigen Bildungsniveau im Ausland Geld verdienen, verlieren die Motivation sich selbst zu bilden. Töchter ersetzen in vielen Fällen diejenigen Mitglieder der Familie, die migrieren und erledigen an deren Stelle Hausarbeiten. Sie haben daher keine Zeit mehr für den Schulbesuch. (MCKENZIE 2006)

Abschließend kann gesagt werden, dass es zu einem Großteil von den Migranten-Familien und deren Verwendung der Geldüberweisungen selbst abhängt ob die Effekte daraus in langer Sicht eher positiv oder negativ sind.


3.5 Verringern Remittances die Armut?

Nach dem Einblick in positive wie negative Effekte durch Remittances auf der Mikro- sowie der Makro-Ebene bleibt die entscheidende Frage: Verringern Remittances die Armut? Es ist schwierig zu sagen, bis zu welchem Punkt Rücküberweisungen in der Entwicklung helfen können. Zunächst müssen verschiedene Aspekte berücksichtigt werden.

Es gilt zu unterscheiden, zwischen den Auswirkungen der Remittances und den allgemeinen Auswirkungen von Migration. Remittances bestehen niemals ohne Migration und diese bedeutet stets den Verlust eines produktiven Mitglieds der Familie im Land im Austausch gegen ein höheres Familieneinkommen.

Des Weiteren gibt es wichtige Unterschiede zwischen Auswirkungen auf der Mikro- und der Makro-Ebene: Auch wenn die Familie des Migranten profitiert, können die Folgen für die Makro-Ebene insgesamt negativ sein. Ein Beispiel hierfür ist die Migration eines Mediziners, der für seine Leute im eigenen Land nicht mehr zur Verfügung steht.
Außerdem kann man nicht einfach die Transfer-Zahlungen, die ein Haushalt erhält von dessen Gesamteinkommen abziehen um das alternative Einkommen ohne Remittances zu bestimmen. Immerhin hätte das migrierende Mitglied der Familie auch im Inland einen gewissen Lohn erzielen können.

Insgesamt muss also folgende Rechnung aufgemacht werden: Der Verlust eines arbeitenden Mitgliedes im Inland kann (oder kann nicht) durch ein geringeres Niveau des familiären Konsums kompensiert werden. Außerdem müssen in die Berechnung Auswirkungen auf Dritte außerhalb der Familie berücksichtigt werden. Erst dann, können die zusätzlichen Mittel für die Familie (und wiederum deren Auswirkungen auf Dritte) in die Rechnung aufgenommen werden. (MCKENZIE 2006)

Unter Berücksichtigung all dieser Faktoren kommen empirische Erhebungen aus verschiedenen Teilen der Welt zu dem Ergebnis, dass Remittances tatsächlich zu einer Verringerung der Armut beitragen. Aufgrund der Tatsache, dass Rücküberweisungen ein zusätzliches Einkommen darstellen können sie die Armut tatsächlich nur verschlimmern, wenn sie eine starke Steigerung von Ungleichheiten auslösen.

Diese empirischen Befunde für eine Verringerung der Armut sollen im folgenden Kapitel anhand eines Fallbeispiels erörtert werden.





Wednesday, January 16, 2008







„Der reiche Norden“ – Remittances als Armutsbekämpfungsstrategie in der „Dritten Welt“ (Teil 3)


5 Fallbeispiel: Folgt demnächst


6 Bibliographie:

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COSS, R.H. (2006): The Impact of Remittances: Observations in Remitting and Receiving Countries. Internet: http://www.g24.org/rhco0906.pdf (8.1.2008)

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GOLDIN, I. (2006): Globalizing with their feet: The Opportunities and Costs of International Migration. Internet: http://siteresources.worldbank.org/EXTABOUTUS/Resources/Migration.pdf
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KATSELI L.T., R.E.B. LUCAS UND T. XENOGIANI (2006): Effects of Migration on Sending Countries: What do we know? Internet: http://www.un.org/esa/population/migration/turin/Symposium_Turin_files/P11_Katseli.pdf (8.1.2008)

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